2008
Okt14

Eltern an die Macht!

Besser konnte das gar nicht laufen. Gerade saß ich noch frustriert und fast schon ohnmächtig in der Ecke dachte: „Wohin mit der Wut, dem Zorn und der Kritik?“ Da fragt mich Franz Schmitt vom Clicclac: „Sach mal, könntest du dir vorstellen eine Kolumne bei uns zu machen?” Na, da musste ich keine Sekunde überlegen: „Aber klar und bitte, bitte sofort.“ Und damit kann es gleich auch schon losgehen.

Ich habe vier schulpflichtige Kinder: 2. Klasse, 5.Klasse, 8. Klasse, 12. Klasse – klasse, klasse! Nichts gegen meine Kinder, das sind natürlich – wie alle Kinder – die besten, die schlausten, die charmantesten und die schönsten der Welt, logisch. Darum geben wir ja auch alle immer das Beste, darum kämpfen wir tagtäglich dafür, dass sie es mal besser haben als wir. Paradox, denn auf diesem Wege sorgen momentan alle Institutionen dafür, dass sie es erstmal schlechter haben, als wir es in unserer Schulzeit je hatten. Ich muss offen und ehrlich gestehen: „Ich habe die Schnauze voll!” Und nach vier Elternabenden und zwei Stammtischen weiß ich, dass es vielen Eltern genauso geht. Und darum muss das an dieser Stelle jetzt mal alles raus.

Es geht um unsere Kinder, das wertvollste das wir besitzen, und das Programm, das hier gefahren wird, ist kinderfeindlich hoch zehn. Mit einer liebevollen, kindgerechten Entwicklung hat das nichts mehr zu tun.

Stress schon in der dritten Klasse, Trendmeldung, Empfehlung, bloß keine 3 schreiben, geschweige denn eine 4 oder gar eine 5, das können wir uns jetzt nicht mehr erlauben, da muss dann Fußball eben mal ausfallen: „Du willst doch aufs Gymnasium?” Weiß ein 8jähriger überhaupt, was das ist? In der dritten Klasse, da sind die Kinder wirklich noch Kinder und sollen schon verarbeiten, dass der Spaß jetzt aber vorbei ist. „ Wenn ihr Sohn die Gymnasialempfehlung haben soll, dann muss er jetzt aber das nächste halbe Jahr noch ein bisschen Gas geben.” – Klar wird gemacht! Druck und durch! Und wenn sie es dann geschafft haben, Freude, Freude, stolz wie Oskar, wird das Kind angemeldet und natürlich an derselben Schule wie alle Lieblingsklassenkameraden und kriegt schon das zweite Mal mächtig Stress und Bauchschmerzen, ob es denn auch angenommen wird. Wird es angenommen heißt es dann zittern bis zum Schulwechsel. „Hoffentlich kommen wir in eine Klasse.“ Geschafft! Glücklich, strahlend, neugierig, wissbegierig geht es in die nächste Runde….

Und dann, schon vier Wochen später brechen die ersten über ihren Mathehausaufgaben zusammen, haben keine Lust mehr sich nachmittags zu verabreden, kommen mit Kopfschmerzen um halb vier nachmittags nach Hause, haben Rückenschmerzen, weil sie mit einem Ranzen losmarschieren müssen, der so voll gepackt ist, dass das Gesamtgewicht des Busses, der sie morgens zur Schule fährt, beinah schon überschritten ist.

Sie sitzen da, zum Teil bis abends um acht und bringen mehr Arbeitszeit auf die Stechuhr als so mancher Lehrer. Ganz dramatisch wird es, wenn sie abends feststellen, sie haben noch was vergessen: “ Papa, Mama ich muss noch das Religionsblatt anmalen. „Da sitzt man dann als Eltern verzweifelt am Bett und möchte laut brüllen: “ Scheiß drauf!” – Aber man kann nicht, man darf nicht sagen was man wirklich denkt. Also malt man mal eben bei der Tageschau das Religionsblatt selber an.

Überhaupt: Das Quantum, das die Kinder zu bewältigen haben, ist ohne die Eltern gar nicht zu packen. Das gesamte Familienleben dreht sich nur noch um die Schule, die Schule bestimmt den Alltag. Das ist krank! Die Selektion findet hauptsächlich über die Belastbarkeit der Eltern statt, wenn die keine Zeit haben, wenn sie nicht können oder wollen, wie auch immer, dann landen die kleinen, bestimmt nicht blöden, und gar nicht faulen Kinder mit 10 Jahren schon auf der Hauptschule, aussortiert, frustriert – mit 10 Jahren, tolles System!

Ich wünschte mir, alle Eltern würden sich ein halbes Jahr mal total verweigern, sodass Schule wirklich nur noch Schule ist – von morgens um 8 bis mittags um 13.00 Uhr. Dann kann Schule den Schülern auch nur noch abverlangen, was Schule vermittelt. Dann müssten sie die Lehrpläne ausdünnen und das Abitur würde man eben nach 15 Jahren machen, das ist doch auch egal. Wir werden immer älter und die Kinder sollen sich beim Lernen immer mehr beeilen – was soll das?

Ihr Thorsten Stelzner

www.clicclac.de

7 Kommentare

  1. Spitze Wiegandt schrieb:

    Aus dem Leben geschnitten, supi erzählt und vorgetragen. Möchte man heute nochmal Kind sein??? Gruß Spitze

  2. kucaf schrieb:

    Gut geschrieben, interessant, nun habe ich eine Tochter, welche gerade die dritte Klasse besucht und ich muss eingestehen, das ich mich mit dem veralteten, „neudeutschen“ Schulsystem noch nicht ernsthaft auseinandergesetzt habe. (Nun ja, Probleme löse ich gegebenenfalls, wenn sie auf der Tagesordnung stehen.)
    Wenn festgestellt wird, das es heute darum geht, das es unseren Kindern nicht schlechter geht/gehen soll, als es uns gegangen ist, so kann man dem nur beipflichten.
    Aber wie schon gesagt, ich habe keine eigenen Erfahrungen mit diesem Schulsystem sammeln können, (was mich wiederum alles andere als traurig stimmt) habe trotzdem viel Wissen erarbeitet und vermittelt bekommen. Meinen Erinnerungen folgend, kann ich auch nicht behaupten, das ich oder meine Mitschüler überfordert wurden, oder sich überfordert fühlten.
    Nun ja, waren auch andere Rahmenbedingungen und es wurde mehr Wert auf Inhalte gelegt und gegebenenfalls auf überflüssiges verzichtet.
    Dieses ist gewesen und heute sind die Probleme andere, da sei auch an die große Zahl von Schulabgängern gedacht, welche die Schule verlassen, ohne einen Anschluss zu haben und somit von vornherein auf eine Bahn der Perspektivlosigkeit, in die Welt entlassen werden.

  3. Was so bewegt! » Blog Archive » Schulbildung, ein Leistungsprinzip? schrieb:

    […] Hier hatte ich einen Kommentar hinterlassen. […]

  4. jürgen justus schrieb:

    Wie viel “Wissen und Erfahrung”
    kann ein Kommentator (kucaf) in der Schule vermittelt bekommen haben, der in 19 Zeilen Text mehr als 20 grammatische und orthografische Grausamkeiten begeht?

  5. kucaf schrieb:

    Glorreicher und Weiser jürgen justus,
    eine Schwäche haben sie entdeckt, den Inhalt wohl negierend, doch die Frage, die dahinter steckt, scheinen Sie selbst so zu negieren? Denn Schwächen, so allein sie sind, sie stehen nie fürs Ganze!
    So mögen wohl meine Lehrer wenig erfolgreich, auf diesem Gebiet, gewesen sein, aber ich stehe zu meinen Schwächen und bin mir dieser durchaus bewusst. Ich bin mir auch bewusst, dass sie gern genutzt werden, Inhalte zu negieren. Welches wiederum als Ausdruck für eine oberflächliche Betrachtungsweise gesehen werden kann, aber nicht muss.
    Es wurde ein jeder Mensch, von Natur und Erziehung aus, mit Stärken und mit Schwächen gezeichnet, die einen sind offensichtlich, andere nicht, erkannt werden können sie in jedem Fall, in den seltensten Fällen aber durch oberflächliche Betrachtung.
    Wenn natürlich „Wissen und Erfahrung“ auf Rechtschreibung und Grammatik beschränkt wird, nun ja, dann offenbart sich Wissen und Erfahrung durchaus als beschränkt.

    PS. Die gramatischen und orthografischen „Grausamkeiten“ in Kauf nehmend,
    nächtlichen Gruß

  6. Barney schrieb:

    Habe heute die Kolumne gelesen und muss sagen: JA, DAS TRIFFT DEN NAGEL AUF DEN KOPF! Von einer Kolumne erwarte man im Allgemeinen ja ein wenig Übertreibung, Ironie und Satire. Aber das hier ist leider Gottes 100% Realität, aus dem vollen Leben gegriffen und trocken zu Papier gebracht. Genau so ergeht es uns, Eltern von 2 Kindern in der 2. und 6. Klasse. Was den Kindern heute abverlangt wird ,verstößt gegen die Genfer Konventionen und ist grausamer Diebstahl kindgerechten Lebens. Zu dem immensen Leistungsdruck (was meine Tochter jetzt in der 6. Klasse in sich hineinstopfen muss, hatten wir damals in der achten) kommen widrige Umstände wie zu starke Klassen in zu kleinen Räumen (35 Kinder auf 20 Quadratmetern) mit entsprechendem Lärmpegel, oder gerade jetzt im Winter ganz toll: auf Frostschutzstellung festgenagelte Thermostate an den Heizkörpern, die Schule muss halt sparen…

    Zu den 34 Pflichtstunden kommen noch 12 Stunden Hausaufgaben plus Referate und Üben für die Klassenarbeiten.

    Wann, bitte schön, dürfen unsere Kinder da noch Kinder sein? Wann bleibt Zeit für’s Spielen, für Hobbies?Kein Wunder wenn unsere Kinder zu uninteressierten Fachidioten werden, die für die Schönheit der Natur keinen Sinn mehr entwicklen können, weil sie nie draussen spielen durften.

    Und wir Eltern werden zu Erfüllungsgehilfen dieses grausamen Systems, denn wer mag dagegen rebellieren ohne die Kinder zu gefährden?

    Den Aufruf zum Elternstreik können wir nur unterstützen: wir sind dabei!

  7. jürgen justus schrieb:

    Barney, Träumer, wach auf.
    Welches Spielen der Kinder meinst Du? Nintendo, Spielkonsolen?
    Spielende Kinder auf den Straßen gibt es ebenso wenig wie Mütter, die ihren Kindern mittags eine Mahlzeit kochen und anschliessend mit ihnen Hausaufgaben/Schularbeiten lösen.
    Es hat sich gesellschaftspolitisch zu viel verändert. Zum Nachteil der Kinder.
    Früher haben sich Eltern (Mütter) und Lehrer die Erziehung der Kinder geteilt. Die Eltern (Mütter) sind nun weggefallen, da – was ihnen niemand verübelt, Emanzipation, Karriere, Selbstverwirklichung nicht nur der Männerdomäne vorbehalten sein müssen.
    Nur – keiner hat darüber nachgedacht, wer den Elternpart bei der Erziehung übernimmt.
    Die übrig gebliebenen Lehrer sind allein völlig überfordert. Die haben heute ausserdem noch mit 10 bis 15 Nationalitäten an ihren Schulen zu kämpfen.
    Ergo gibt es mittags die Milchschnitte oder einen Retortenfraß aus der Mikrowelle und dann geht’s ab ins high-tech ausgestattete Kinderzimmer.
    Statt Erziehung gibt’s nun Drittauto und Vierturlaub.
    Dumm nur, dass sich keiner traut, dem z. B. in die Hauptschulen ins Abseits geschobene Bildungsprekariat niemand sagt, dass sie in dieser Gesellschaft leider keine Chance bekommen.
    Label-Klamotten und gegelte Frisuren ersetzen nun mal nicht das Durchbluten der Hirnwindungen.
    Was wird nur aus diesen abgwiesenen, abgeschobenen Hoffnungslosen, wenn die statt 17 mal 27 oder 37 sind?

    Ausnahme Torsten Stelzner,
    Hausmann; schön reich und erfolgreich. Und die Kinder –
    so intelligent….

Beitrag kommentieren





XHTML (für Profis): Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Hinweis: Dein Kommentar erscheint nicht sofort, weil er erst von einem Moderator freigeschaltet werden muss. Es besteht kein Anspruch auf Veröffentlichung eines Kommentars.