Saures für zivilisierte Menschen

TS, 8. Januar 2009, 10:29
2009
Jan 8

Braunschweiger Zeitung – 08.01.09 –

Florian Arnold – über:  Die CD “Von Stinkern und Schleimern” des Braunschweigers Thorsten Stelzner

Den früheren Obsthändler Thorsten Stelzner kennt man in der Region seit Jahren als politisch-satirischen Dichter.Vor einiger Zeit ist der Braunschweiger nun dazu übergegangen, mit seiner grantelnden Weltsicht aus dem Reimkorsett auszubrechen und auch in Prosa lustvoll draufloszuätzen. Auszüge aus seinen Programmen “Auch Weicheier müssen eiskalt abgeschreckt werden” , “Von Stinkern und Schleimern”, “Der zivilisierte Mensch” hat er unlängst nicht etwa als Buch gedruckt, sondern als CD veröffentlicht. Und das ist gut so. Denn akkurat in Reih und Glied gesetzte Sätze auf weißem Papier passen nicht recht zu der derben Suada Stelzners. So lästert er etwas über verzückte Tanten, die meinen, Kleinkinder in Babysprache anreden zu müssen. “Anstatt der verwöhnten Brut zu verklickern, wer hier den fertig sortierten Brägen im Schädel trägt, lassen sie sich auf die Stufe des debil sabbernden Kleinkindes fallen und fangen plötzlich an sich in einer Art zu artikulieren, dass das Blag doch unweigerlich denken muss: Die Alten haben einen an der Waffel”. Gedruckt wirkt das so abstoßend wie das Protokoll eines Stammtisch-Palavers. Aber wenn man Stelzners, rauer, kerniger Stimme beim Granteln zuhört, kommen seine Texte so lebendig herüber wie eben aus dem Bauch heraus drauflosgepoltert. Das verleiht der satirischen Überdehnung Kraft. So macht es streckenweise richtig Spaß zu lauschen, wie einer sich scheinbar spontan in Rage redet – durchaus wortgewaltig.  Urig ist etwa, wie Stelzner über probiotische Joghurts und andere Erfindungen hezieht, die die Lebensmittelindustrie dem ZM aufschwatzen will. ZM – das ist Stelzners Kürzel für den zivilisierten Menschen. Der die Versprechungen der Werbeindustrie zugleich durchschaut und ihnen doch erliegt. Und sich dann auch noch schuldig fühlt. “Wo waren denn beim Frühstück die Cerealien, was soll denn bitteschön seine Prostata von ihm denken, wenn er ihr nicht mal so´n Löffelchen Granufink gönnt. Gibt´s doch alles kann man doch kaufen”, poltert Stelzner. Überigens sind es zum großen Teil dieselben Unternehmen, die uns die chemischen Keulen aufschwatzen wollen, mit denen wir unseren Alltag desinfizieren sollen, damit wir unsere Abwehrkräfte dann mit ihren Laborbazillen wieder auf Trab bringen müssen – einfach genial.” Allerdings beackert der 45-jährige Familienvater Themenfelder, die schon zahllose kabarettisten vor ihm umgepflügt haben. es gibt nichts wirklich überraschendes auf  dieser Satire-CD. Und die giftig unterhaltsame Abkanzelung des ZM bricht nach einiger Zeit abrupt ab. Es folgen aneinandergereiht kurze Satiren und gegen Ende noch ein paar Gedichte. Das wirkt etwas zusammengeschustert. Klasse wiederum die Aufmachung des Albums, das gekonnt große Porträtstudien des Braunschweiger Malers und Grafikers Ingo Lehnhof veredeln, sehr prägnant in ihrer Hässlichkeit. Zu kaufen ist die CD über www.thorsten-stelzner.de oder im lokalen Buchhandel.