2009
Sep 15

“Sport ist Mord“, sagte wer? – Egal, er hatte Recht! Vierzig Jahre habe ich konsequent nach diesem Motto gelebt. – Und was soll ich sagen? Es ging mir gut damit. Okay, wenn ich ehrlich bin, son bisschen Sport war schon immer mal wieder dazwischen, immer wenn ich dachte: „Naja, der Kreislauf ist jetzt doch mehr so ein Kreisschleich, und der Teint, nun gut, grau ist keine wirklich schöne Farbe.“ Dann gab ich mich dem alt-germanischen Triathlon hin: Laufen, Schwimmen und Fahrradfahren. – Der hat ja auch einen Bezug zum gesellschaftlichen Treiben: Wir laufen den Trends hinterher, schwimmen mit dem Strom, und nach oben wird gebuckelt, nach unten getreten. – Das sollte dann aber auch reichen. Sport als Einzelkämpfer, nur mit sich und seiner bescheidenen Leistung allein im Wald oder im Wasser. Punkt! Nie wäre ich auf die Idee gekommen, mich mit irgendwem direkt zu messen. Warum auch? Nur damit der andere triumphieren kann und mir meine kleine Euphorie zunichte lästert. Nee, kam nie in Frage. Noch aberwitziger wäre für mich jede Form von Mannschaftssport gewesen, wie z.B. so was Beklopptes wie Fußball. Hallo?! Da rennt man sich einen Ast, ackert wie ein Blöder und kämpft wie ein Berserker, liegt am Ende halbtot auf der Wiese – und … verliert, weil die anderen zu blöde, zu faul oder zu fett sind, anständig gegen einen Ball zu treten. Bitte, wer es mag!Aber der Fußballer an sich stellte sowieso lange, lange Zeit ein unlösbares Rätsel für mich dar. Um es mit den Worten meines Vaters auf den Punkt zu bringen: „Da laufen zwanzig erwachsene Männer einem Ball hinterher, und wenn sie ihn haben, kicken sie den weg.“ Stimmt doch. Das geht komplett am Jagdinstinkt vorbei: Wenn ich etwas endlich erkämpft habe, kann keiner ernsthaft von mir erwarten, dass ich das dann freiwillig einfach wieder hergebe. Football und Rugby kann ich ja irgendwie noch nachvollziehen. Da wird sich das Ei gekrallt und dann, dann wird gerannt, die Pille unterm Arm, und jeder der da ran will, wird umgemäht. Das verstehe ich. Aber Fußball? Gott bewahre mich davor! Und das hätte auch fast geklappt. Doch dann kam Aleksander. Und als Aleksander vier Jahre alt war, wuchs ihm plötzlich ein Ball zwischen den Füßen – ein Fußball. In der gesamten Ahnengalerie gibt es kein einziges Anzeichen dafür, dass das vielleicht genetisch bedingt sein könnte. Die Medizin steht vor einem Rätsel, und die gesamte Familie lächelt immer wieder süffisant: „Na, von wem er das wohl hat?“ Ich weiß es nicht, ist aber auch egal. Von mir hat er es nicht, und ich liebe ihn trotzdem.Und darum stehe ich jetzt seit 4 Jahren jedes Wochenende entweder in einer muffigen Sporthalle oder auf einem alten, zu einem Dorffußballplatz umgestalteten Rüben- oder Kartoffelacker. Am besten samstags 10 Uhr, kein Frühstück – zwei hastig reingeschüttete starke schwarze Kaffee im leeren Magen bringen langsam den Blutdruck auf Touren. Man ist noch gar nicht wirklich wach. Anpfiff. Das ist Mord. Der Puls rast, die Hände schwitzen, die Augen treten aus den Höhlen hervor, die Knie werden weich, man brüllt sich die Seele aus dem Leib, der gesamte Organismus steht kurz vor dem Kollaps und rebelliert – wohin mit der Energie? Wohin mit dem Adrenalin, Serotonin, dem Endorphin? Man darf ja nicht mitspielen, nur leiden!Man kann bestenfalls die Eltern der gegnerischen Mannschaft anpöbeln. Aber die leiden doch auch – ketterauchend und hustend, blöken sie ihre Kinder an, treiben sie zur Höchstleistung. „Lauf, Marcel, den kriegst du noch…. ooooh, neee, eyh, mach schon, beweg dich mal, der kann nichts, … was machst du denn, das kann doch nicht wahr sein, lass dich doch nicht wegdrängeln da von dem, man, man, man, das geht ja heute gar nicht.“ Kurze Pause. Nächste Kippe… „Eyh Schiri, das war Hand, Haaand, ooh sach mal, wo guckt der denn hin. – Jetzt is´ aber mal genug da! – Kevin, da musste jetzt aber auch mal gegengehen… Keeeeviiiin, dann mach jetzt aber die Blutgrätsche, wenn der dich da nicht ran lässt ..oh, ooh nee!“ … In dem Moment liegt beides sehr nahe beieinander: Sport und Mord. Denn entweder entwickelt man dann echte Mordgelüste, zückt die Pumpgun und legt den hyperaktiven Gegnervater einfach um, oder man hält verbal so lange dagegen, bis er endlich röchelnd blau angelaufen auf der Bahre vom Platz getragen wird. … Im besten Fall steht man direkt daneben, lächelt und setzt noch ein freundliches: „Naja, wenn Fußball zu hart ist für dich und deinen Süßen, dann geh doch zum Synchronschwimmen“, drauf.