2. Leseprobe : " OH MEIN GOTT – Gedichte "

TS, 20. November 2009, 15:52
2009
Nov20

Illustration: Ingo Lehnhof DER GÖTTLICHE BESUCH     2009

Der Mensch denkt, dass Gott lenkt.

Die Geschichte ist ganz simpel
und ziemlich schnell erzählt:
Der Dichter sitzt im Keller,
reimt und wirkt gequält.

Da steht ein nackter Kerl im Raum
und baut sich auf wie ´n Eichenbaum.

Leichenblass, total erschrocken,
den Dichter haut´s fast von den Socken.
Der Kerl spricht leise, lächelt süffisant:
„Bleib locker!” Und reicht ihm die Hand.
„Tschuldige, wenn ich dich störe,
doch wenn es stimmt, was ich so höre,
dann ist es wirklich an der Zeit
und wie gesagt, es tut mir leid.”

Der Dichter ist total verwirrt
und denkt: „Der Kerl hat sich verirrt,
was steht der hier in meinem Büro,
und überhaupt, was grinst der so?”

Der nackte Überraschungsgast
spricht freundlich ohne jede Hast:
„Wir beide sollten reden –
und ich spreche nicht mit jedem.”

So steht er da,
wie Gott sich schuf:
„Göttlich mein Name

und Schöpfer mein Beruf.
Ich dachte mir und denke noch,
dass grade du, der du ja doch
viel lieber weißt, als dass du glaubst,
und grad´ an diesem Büchlein schraubst,
Interesse hast an meinem Besuch,
ich mache jetzt hier den Versuch,
dir ´n paar Erklärungen zu geben,
über mich und euch und euer Leben.”

Der Dichter denkt: „Ich fass´ es nicht,
ich quäle mich mit dem Gedicht,
ich schreibe hier an diesem Buch,
da kommt der Schöpfer zu Besuch.
Na gut, das nehm´ ich jetzt so hin,
und weil ich doch leicht gläubig bin,
pack ich die Chance gleich beim Schopf,
mir geht da manches durch den Kopf.”
Herr Göttlich bricht ihn da gleich ab:

„Was ich vorab zu klären hab´ –
die Kirche, der Klerus, das alte Gesindel,
geht mich nichts an, der ganze Schwindel.
Ich bin zwar der, der alles schuf,
das ist nun einmal mein Beruf,
doch damit bin ich dann auch durch,
der Rest liegt ausnahmslos bei euch.”

„Was soll das heißen, welcher Rest?
Du schaffst ´ne Welt und lässt
uns dann mit diesem Mist allein,
soll das tatsächlich göttlich sein?
Was ist mit Dürre, Pest und Not,
mit Fluten und mit Hungertod,
mit Kriegen, Seuchen, Katastrophen,
Faulen, Schwachen, Kranken, Doofen?”

„Kommt darauf an, wie man das sieht,
es ist halt so, dass es geschieht,
weil ihr halt seid, wie ihr so seid.
Okay, es tut mir manchmal leid,
doch das zu ändern liegt mir fern.
Ich seh´ das ja auch gar nicht gern,
doch nehmt ihr euch auch viel zu wichtig,
denn betrachtet man das richtig,
sehe ich euch so wie Schaben,
und ob die zu fressen haben,
oder nach ´nem Regenguss
ein ganzes Volk ersaufen muss,
Herrgott, das ist doch auch egal,
das ist Natur, das ist normal.
Und wenn man´s in der Summe sieht,
egal, was euch auch noch geschieht,
weniger werdet ihr nicht werden.
Ihr seid die Plage hier auf Erden.
Und wenn ich etwas tun müsst´,
glaube mir, dass ich schon wüsst´,
wen ich zu verteufeln hätte,
und wen ich ganz bestimmt nicht rette.
So, alles klar? Ich muss jetzt los –
ihr seid so klein, mein All so groß.”

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