Kinder wie die Zeit zergeht !

TS, 17. November 2009, 05:07
2009
Nov17

Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät? Wie, schon wieder Dezember, wo ist es hin, das Jahr? 2009 – das Jubeljahr: 60 Jahre Bundesrepublik, 20 Jahre Mauerfall, und ich 15 Jahre verheiratet. Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt, denn er wird niemals alt. – Ich bin alt, so einfach aus dem Nix fast 50. Hätte mir vor dreißig Jahren jemand gesagt, dass ich überhaupt mal so alt werde, ich hätte ihn ausgelacht. Das gab der jugendliche Lebenswandel nun wirklich nicht her. Und jetzt? Jetzt sitze ich hier am Ende des Jahres, das gefühlt so schnell verpufft ist, wie damals die Sommerferien, und plane im Geiste schon mal locker für die nächsten zehn Jahre und weiter. „Och, wenn die Kinder dann erst mal aus dem Haus sind, dann sind wir ja noch nicht mal sechzig. Da können wir dann ja vielleicht noch…“ Überhaupt die Kinder, die Kinderzeit; Momo hilf! Mir hat irgendwer die Zeit geklaut.
Als unser Erster, also unser Ältester, zur Welt kam, blieben für uns alle Uhren des Universums erstmal stehen. Alles war so neu, alles ging irgendwie, natürlich auch bedingt durch den chronischen Schlafmangel, etwas langsamer vonstatten. Und die erste Omma-Kundin, die unsern Sohn in meinem Laden zu sehen bekam, blickte in den Kinderwagen und sprach mit gebrochener Stimme, es klang fast so wie der Fluch einer verstoßenen Feentante von Dornröschen: „Genieeeßen sie es, Herr Stelzner, genießeeen sie es

… Es geht soooo schnell vorbei.“ Und wir dachten nur: „ Hallo!? Schnell geht hier im Moment aber auch so gar nichts.“ Zeit war in dieser Phase der begehrteste Stoff. Hätte sich damals vor dem Kindergarten ein Dealer platziert, so einer wie der aus der Sesamstrasse, der Schlehmihl, der immer so leicht exhibitionistisch seinen Trenchcoat aufreißt und gefragt: „He; du!“ „ Wer ich?“ Ja, duu! Willst du Zeit kaufen?“ „ Zeit?“ „Genauuh,, Zeit!“ Aus den Händen hätte ich sie ihm gerissen, wie Krümelmonster die Styroporkekse. Aber Zeit kann ich leider nicht kaufen, verlieren schon. Der Teufel wird nicht alt, die Hölle wird nicht kalt. So sieht das aus. Und heute ist sie weg, die Zeit, nicht vergeudet, nein nein, im Gegenteil, aber trotzdem weg. Und die Kinder sind mutiert, blitzartig sind sie einem über den Kopf gewachsen. Sie sind groß, und wir sind alt. Jetzt werden sie nur noch älter, und wir werden krumm und immer kleiner. Das ist der Lauf der Dinge, und die Feentante-Omma von damals, sie hatt’ ja so recht, oder sie hat uns wirklich verflucht, wer weiß? Auf jeden Fall ging es rückblickend tatsächlich unglaublich schnell. Gestern, gefühlt gestern, hab’ ich noch mit drei abhängigen, zu keiner selbstständigen Handlung fähigen, kleinen Menschen im Flur gestanden, und alles, wirklich alles, für sie erledigen müssen. Klamotten an, was ganz besonders im Winter sehr spaßig war. Lange Unterwäsche, Thermohose, dicke Botten, Schal, Mütze und Handschuhe, die besonders nervraubende Variante, bei der die Fäustlinge auch noch durch eine Strippe miteinander verbunden sind, die man dann durch die Ärmel durch und hinter…, ach was, wem erzähl ich das. Jedenfalls musste man damals nur, um mal eben kurz zum Bäcker zu fahren, zwei Stunden Vorbereitungszeit einplanen. Spontanität war ein Fremd-, ein Reizwort.
„ Kinder, wir müssen morgen ganz früh raus. Ich muss vor Mittag noch schnell zur Apotheke.“
Aber auch das konnte man vergessen, denn planbar war absolut nichts mehr, selbst wenn man auf den Schlag fertig war, puuh, geschafft, dann, ja dann: Ich höre es immer noch durch den Flur flöten: „Papaaa, ich muss mal.“ – Alles wieder von vorn. Klamotten aus, auf’s Klo, mit den Füßen scharren, fertig, Klamotten wieder an, Klamotten wieder aus. – Apotheke machen wir morgen.
Tja, und jetzt stehen sie hinter mir, während ich diese Kolumne schreibe und sagen nur noch: „Papa, ich muss jetzt los.“ „Ich schlafe heute bei Pia!“ „Ich muss zum Fussball!“ „Papaa, kannste uns fahren, wir haben keine Zeit mehr, wir kommen zu spät.“ Und ich bin froh, dass mir wenigstens das noch bleibt, diese meine Zeit mit ihnen, die sie brauchen, um selber Zeit zusparen.

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