2010
Jun16

Angenommen abnehmbar !

Ha! Ich hab’s geschafft! Ich habe mein Vorjahresvorurlaubsgewicht wieder. Naja, eigentlich hatte ich das schon in der zweiten Urlaubshälfte zurück erlangt, aber wenigstens kurz vor und noch in den ersten Tagen der alljährlichen Strandnabelschau bewegte ich mich nahezu am Rande meines unter Ausblendung der Objektivität subjektiv gefühlten Idealurlaubsübergewichts. Was das bedeutet? Das Idealurlaubsübergewicht ist das Gewicht, das einem den Eindruck vermittelt, man habe nur soviel zu viel auf den dicken Rippen, dass man sich immer noch selbstgefällig genug  und unter straffer Anspannung der inneren Bauchmuskulatur an die Küste lümmeln, lästern und fremdschämen kann:
„Boah, guck doch mal das Walross da! Mann, so möchte ich aber nicht rumlaufen, mutig, mutig.“ – „Mensch, wenn der ins Wasser geht, sollten wir aber ´n bisschen hoch rücken hier mit unserer Decke.“ „Der löst doch ´nen Tsunami aus.“ „Dreifache Kurtaxe. Ich sag nur: dreifache Kurtaxe.“
Aber das ist ja nur die eine Richtung. Es geht auch anders: „Puh, guck mal! Na, schlank is was anderes. Schön is´ das nicht.“ „Die große Dürre, oder mager sucht Quark.“ „Netter Titel für `ne Doku.“ „Wenn so was angespült wird, is’ hier alles voller Splitter und Scherben.“ „Kinder zieht euch was an die Füße!“
Wenn das geht, dann liegt man irgendwo dazwischen und fühlt sich gut. Und das will man ja auch im Urlaub.

Darum speckt der Urlaubsweltmeister auch immer spätestens ab April oder Mai ab. Oder er versucht es zumindest. Denn das ist gar nicht so einfach. Ich dachte ja immer, Gewichtsreduktion funktioniert auf der ganzen Welt ungefähr nach dem selben Schema: Man hört einfach auf zu essen, und schon geht es ab mit den Kilos. Klappt in Äthiopien ganz ausgezeichnet. Muss man nur aufpassen, dass man das nicht übertreibt, gibt dann diesen fiesen Hungerbauch, und schon passt man wieder nicht in seinen Designerbadeanzug.
Und weil der Vorurlaubsasket das weiß, hört er nicht einfach auf zu essen, nee, der deutsche zumindest, der kauft sich erst einmal ein Buch. Wenn er zu der etwas weniger lesefreudigen Gattung gehört, dann tut’s auch schon mal die Brigitte. Und da stehen sie dann alle drin, braucht man nur zu lesen, am besten auf dem Klo, und fix geht es zur Sache: „Ich lese gerade die Königin der Diäten.“ „Von Schimmel?“ „Nee, von Kotzsalik.“ „Und? Bringt das was?“ „Weiß nicht, hab mich noch nicht gewogen, fühl mich aber schon viel leichter!“ „Ach wenn du das Buch weglegst oder was?“
Ich frage mich ernsthaft, ob ich nicht das Fach wechseln sollte, weg von der Lyrik und der Satire hin zu den Diäten. Da fällt mir mit Sicherheit auch was passendes ein, verkauft sich auch besser. Mit der Kohle, die die Diätenfresser für „Literatur“ ausgeben, kann man den ganzen Sudan durchfüttern. Und der Fantasie sind auch null Grenzen gesetzt. Hier nur mal ein paar Titel zum Appetitanregen:
„Mein Freund, das Magenband“; „Die Adam-und-Eva-Diät“ – die klauen sich gegenseitig das Essen und jagen sich aus der Küche; „Die Wochenenddiät“ – 2 Kilo am Wochenende, das klingt doch gut, 52 Wochen macht 104 Kilo… ein Jahr, und weg biste. „Adios Kilos“,  „Die Hollywood-, Kushi-, Zuckerknackerdiäten“, „Abnehmen mit Erfolg“,  „Denken sie sich schlank“, „Fett weg für faule Säcke“,  „Die Vielfraßdiät“.
Na, da ist doch für jeden was dabei! Und wenn das dann tatsächlich klappt, und es hängt die ausgemergelte Pelle wie ein leerer Wassersack an einem runter, dann geht man noch schnell zur Änderungsschneiderei und lässt sie wegschnippeln und umnähen.
Ich warte auf den Moment, in dem die Fleischindustrie das übernimmt: Die Sau nicht mehr schlachten… nee, nur das Fett weghacken, dann das arme Schwein drei Wochen zur Reha und warten bis alles wiederkommt. Klappt bei uns doch auch ganz ausgezeichnet. Tja, ist schon irre, wie gut es uns heute geht. 60 Jahre nach der letzten Hungersnot kaufen die Deutschen Körperfettwaagen. Da wird ständig behauptet, die Deutschen werden immer weniger. Das mag ja stimmen, wenn man die Bevölkerungszahl zu Grunde legt, aber im Gesamtgewicht holen wir das locker wieder rein.
Naja, was soll’s, jetzt sind Sommerferien, und ich wünsche allen Lesern viel Spaß beim, Lümmeln, Lästern und Fremdschämen.  Ich weiß, wir sehen uns mit dem Nachurlaubsrestjahresnormalübergewicht wieder und genießen die bekleidungsstärkeren Jahreszeiten.

Ihr Thorsten Stelzner

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