GERÜCHTE

TS, 3. Juli 2010, 11:27
2010
Jul3

Während uns die Tagesschau
mal wieder demonstriert,MWD_FOTOS 016
dass es uns doch prima geht,
weil hier nichts passiert,
kein Krieg, kaum Mord, nix Hungersnot
und keine Katastrophen,
nur hier und da so ´n bisschen Hass
von rechtsgelenkten Doofen,

springt irgendwo im Niemandsland
aus Eternit und Stahlbeton
noch vor dem Essen, völlig satt,
ein Mann von dem Balkon.
Der zwölfe Stock im freien Fall,
nur noch ein kurzer, schriller Schrei,
dann gibt es keine Fragen mehr,
ein Leben ist vorbei.

Jetzt geht das Rätselraten los,
noch vor der Vorhersage
sind alle vor dem Haus vereint
und klär´n erstmal die Lage:

Wer kannte ihn, wer wusste was,
was war das für ein Wesen,
ein Trinker war er sicherlich,
man sah ihn oft am Tresen

und vorbestraft – auf jeden Fall
ein arbeitsloser Zocker,
verschuldet bis zum Haaransatz,

so ´n Haschischbruder, Rocker.

So richtig kannte man den nicht,
das war so ´n kalter Stiller,
der hat mich einmal angeguckt,
ich denk´ das war ´n Killer. 

Typen wie der, die haben doch alle
richtig Dreck am Stecken,
wir werden ja noch hören,
was die Bullen so entdecken.

So reden sie und phantasieren,
doch nichts von dem ist richtig,
er war ein sehr sensibler Typ
und nahm auch sie zu wichtig,
er wohnte da im zwölften Stock,
allein mit Frust und Sorgen,
er las viel, informierte sich
über die Welt von Morgen,
bechränkte nichts aufs Hier und Jetzt,
sah diese Welt als Ganze
und dann während der Tagessschau
wurde ihm klar, wir haben keine Chance.

Noch immer Krieg,
noch immer Mord,
noch ein gebrochenes Ehrenwort,
noch einmal ein Stück Regenwald,
noch einmal etwas mehr Gewalt,
noch immer Krebs,
noch viel mehr Aids,
noch einmal etwas Strahlen,
noch einmal Waffenschieberei,
noch immer Folterqualen,
noch immer etwas mehr von dem,
was noch nicht reicht zum Ende,
noch immer spielen wir die Macht
in blutverschmierte Hände.

Als sie dann noch in der Tagesschau
den Wirtschaftsgipfel zeigten,
wo grösste Gangster dieser Welt
vorm Kanzler sich verneigten,
da wurde ihm ganz deutlich klar,
hier ist nichts mehr zu retten, 

wir existieren doch wirklich nur,
damit sie sich samtweich betten,
wir rechtfertigen doch ständig das,
was die Gewählten hier verbrechen,
das einzige was uns hier bleibt,
wir können drüber sprechen,
doch wann, mit wem, wer will es denn,
wer will denn was verändern,
uns geht ´s doch gut, wir werden satt,
trotz Not in ander´n Ländern.

Dann ging er nur auf den Balkon,
eigentlich um Luft zu schnappen,
im Fernsehen flatterte zum deutschen Lied
das bundesdeutsche Wappen,
er reckte sich und holte Luft
und dachte an die Teile,
an Blei, an Stickstoff, ans Ozon,
so stand er dann ´ne Weile,
dann sprach er leis : „Es ist zu spät!“
Dann schrie er laut : „Ich flüchte!“
Sprang kopfüber von dem Balkon,
was bleibt sind nur Gerüchte…

Ein Kommentar

  1. Ralf schrieb:

    Tucholsky lebt noch!
    Danke für den Tip. Dann doch besser den Umleitungspfeil Richtung WahnSinn Leben.

    Ich fand es auf der Homepage von Udo L.
    Ob es allerdings ausreicht die Ruder rhetorisch
    herumzureißen.Alle lachen und trinken Wein
    zu bittrer Moritat.
    Und keine Emigration mehr möglich.Es sei denn die innere, mit ständiger Rückfahrkarte,
    wenn nötig,wie täglich.

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