Die Juli-Clicclac-Kolumne !!

Ich mache jetzt etwas öffentlich, das meine Nachbarn längst zu wissen glauben: Ich hasse Gartenarbeit.  Oder etwas sanfter formuliert: Ich lehne Gartenarbeit derart ab, dass sie in meinem Leben, meinem Kopf, in meiner Welt als Begriff eigentlich überhaupt nicht vorhanden sein dürfte. Die Kombination „Garten und Arbeit“ darf es doch tatsächlich gar nicht geben.
Der Garten, das Paradies, die Natur der Rückzugraum, der Fluchtpunkt, in dem man nach getaner Arbeit die Seele baumeln lässt, wo man einfach nix anderes tut, als nix tun und der Natur beim Wachsen zuguckt.

Und dann, kaum liegst du da, blinzelst in die Pfingstsonne und denkst: „Das Leben ist auch an christlichen Feiertagen zu ertragen. Heute, wo man nicht mal mehr auf dem Dorfe aus dem Dorf verbannt wird, wenn man eben nicht in der Kirche niederkniet.“
Da knien sie nieder, vorm Blumenbeet, zupfen, rupfen, schnippeln, beschneiden, jäten, spritzen, vergiften und entscheiden göttergleich und größenwahngetrieben, was wo wie wachsen und leben darf. Sortieren nach Kraut- und Unkraut, nach Nütz- und Schädling und nach eingekauft und eingeschlichen. Dabei ist das meiste, was sie in ihrer Parzelle noch dulden, gar nicht von hier, das würde hier freiwillig nie wachsen. Kiwi, Bambus, Palme, Pampasgras, Feigen und Avocados, die haben es doch zu Hause viel schöner. Egal, sie werden eingeschleppt, eingepflanzt, eingetopft und eingebuddelt.
Und dann wird ihnen eine klassische, korrekte deutsche Rasenkante entgegengesetzt und wehe, die wird ignoriert und der gute englische Rasen wird auch nur gestreift.
Nun mal eine kleine Bitte an unsere Leser mit Migrationshintergrund, nicht an die Pflanzen, an die Menschen, wirklich bitte mailen unter ts@thorsten-stelzner.de : „In welcher Sprache gibt es ein Wort für Rasenkante?“

Naja, ist doch wahr. Sie ziehen aufs Dorf, kaufen der Natur, natürlich nicht direkt, sondern über Mittelsmänner, die wie auch immer in den Besitz eines kleinen Fleckchens Natur gekommen sind, eben dieses Fleckchen ab. Sie bauen ein Haus drauf, mit Waldblick, legen einen Garten an und anstatt dann die Natur einfach Natur sein zu lassen, beackern, beschnippeln und bespritzen sie jede freie Minute ihre Scholle, nur damit alles immer schön ordentlich, akkurat und vor allem wildkräuterfrei ist. Ja, Wildkräuter – politisch korrekt, denn Unkräuter gibt es ja nicht.
Wenn nun aber diese Wildkräuter in Nachbars Garten freies Entfaltungsrecht genießen und einfach wachsen dürfen, wie sie wollen und wo sie wollen, weil der Nachbar (in diesem Falle ich) nicht extra in den nahe gelegenen Wald latschen will, um festzustellen, wie vielfältig die Natur sein kann, dann geht das los mit diesen vorwurfsvollen Blicken. Man sieht es ihnen an, kann förmlich ihre Gedanken lesen. Sie starren über den Gartenzaun und man kann es fast hören: „ Naja, da liegt er wieder, den ganzen Tag nix zu tun und seine Pollen, seine Samen, nun guck sich das einer an, Löwenzahn, Gänseblümchen, Klee und Moos. Da können wir so viel mit unserer Gartenkralle gegen ankämpfen, wie wir wollen, das fliegt alles zu uns rüber.“

Die ganz Verbissenen, die den Kampf einfach nicht verlieren wollen, die haben jetzt begonnen, alles Leben aus ihrem Antibiotop zu verbannen, die rücken jetzt der Natur mit Plastikfolie, Schotter und Splitt zu Leibe. Deren Vorgärten sehen allmählich aus wie Urnengräber, Gedenkstätten oder der Eingang zur Familiengruft. Da stehen Granitsäulen, Solarleuchten, Statuen, riesige Steinkugeln und Marmorblöcke und alles ist ordentlich umschottert, da wächst nichts mehr, gar nichts mehr.
Als mein Nachbar nach langer Zupf-, Buddel- und Schotterphase endlich siegesgewiss vor seinem entnaturierten Vorgarten stand, den Kopf erhaben erhoben, bin ich zu ihm rüber, einen schmucken Trauerkranz unterm Arm mit einer wunderschönen, leicht überdimensionierten Schleife dran, legte ihn zu Tränen gerührt an seiner Granitsäule nieder und drapierte die Schleife so, dass er auch klar und deutlich die Aufschrift lesen konnte: „Hier, tief verborgen unter Plastikplane, Schotter und Kies ruht die Natur, das Paradies, wir werden sie nie vergessen!“

Euer Thorsten Stelzner

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