Occupy Frankfurt

TS, 18. Dezember 2011, 16:14
2011
Dez 18

http://www.flickr.com/photos/dietherdehm/6291931971/in/photostream/

Thorsten Stelzner,Micha Letz, Diether Dehm im EZB Camp

Im herbstlichen Park vor der Europäischen Zentralbank haben die Aktivisten von Occupy Frankfurt seit Wochen ein Zeltdorf aufgeschlagen. Am Samstag 29.Oktober schmetterte Diether Dehm vor etwa 400 Zuhörern im Schatten der Bankentürme sein Monopoly . Sein Freund aus Braunschweig, Thorsten Stelzner trat mit seinen politischen Gedichten auf und erntete großen Applaus. In einem anschließenden Poetry Slam erreichte er die Höchstpunktzahl.

18. Türchen 2005

TS, 18. Dezember 2011, 12:19
2011
Dez 18

HARRY DER TAGELÖHNER

Harry war ein Tagelöhner,
kam jeden Morgen um halb drei
wie zufällig auf seiner Mofa
am Großmarkttor vorbei.

Harry hatte Würde,
gefragt hat Harry nie,
Harry musste man schon fragen,
doch „Nein“ sagte er nie.

„Harry, haste Zeit heut´?
Um drei Uhr dreißig kommt die Bahn,
ein Wagon Kartoffeln
und zweie mit Bananen.“

Harry knarzte immer,
das kam von der Reval:
„Hab´ eigentlich was vor Chef,
doch heut´ is´ es egal!“

Und dann parkte Harry seine Mofa
vorne links direkt am Tor,
rieb sich noch mal die Hände,
weil Harry immer fror.

Ja, Harry brauchte die Maloche,
das Anpacken war sein Ding,
weil nur beim richtig „wuppen“
sein Kreislauf aufwärts ging.

Und so schleppte „unser“ Harry
die schweren Kisten jahrelang,
war ab und zu betrunken,
ganz selten war er krank.

Er war auch immer zuverlässig
und schnell war Harry auch,
Harry ließ uns niemals hängen,
und stand niemals auf dem Schlauch.

„Geht schon Chef, weil muss ja,
den machen wir noch leer.“
Und selbst die Appelkisten
waren Harry nie zu schwer.

Doch dann an einem Morgen,
Harry schob den Wagon auf,
da kriegte Harrys Leben
einen entscheidend neuen Lauf.

Alles auf Paletten,
der Gabelstapler stand bereit,
für Harry `ne Ameise*,
– leer gemacht in halber Zeit.

Da war nichts mehr mit schleppen,
Harry wurde nicht mehr warm,
Harry war niemals ein Reicher
doch plötzlich war er arm.

Er verlor nicht nur die Stunden,
es fehlte nicht nur Geld,
er verlor dadurch die Würde
und seinen Platz in dieser Welt.

So schnell war Harry über,
keiner brauchte seine Kraft,
alles wurde ohne ihn
jetzt schneller weggeschafft.

Harry ließ sich nicht mehr blicken,
Harry blieb ganz einfach weg,
in Harrys Leben fehlte
ganz plötzlich Sinn und Zweck.

Harry hatte immer Arbeit
solang es Arbeit für ihn gab,
Harry lebte für die Arbeit
bis er ohne Arbeit starb.

17. Türchen 2004

TS, 18. Dezember 2011, 12:17
2011
Dez 18

FÜR GOTT, FÜR ÖL, FÜR GELD

Während wir hier stehen und friedlich demonstrieren,
dass wir nicht die Hoffnung und die Zuversicht verlieren,
werden irgendwo,
das heißt auf dieser Welt,
Menschen geschlagen, gefoltert, vor Gericht gestellt,
erniedrigt und getreten,
mit vorgehaltener Waffe
zum Verhör gebeten,
abgeführt, an die Wand gestellt,
immer für Gott, für Öl und für Geld.

Während wir hier stehen und deutlich machen,
wir lassen uns nicht zu Mittätern machen,
werden irgendwo,
das heißt auf dieser Welt,
Mittel bewilligt, Gelder bereitgestellt,
Waffen entwickelt, Pläne gemacht,
für mehr Effizienz
in der nächsten Schlacht,
werden Menschen verplant, aufs Schachbrett gestellt,
immer für Gott, für Öl und für Geld.

Während wir hier stehen und den Opfern gedenken
der Rache, dem Hass, keinen Gedanken schenken,
sitzen irgendwo,
dass heißt auf dieser Welt,
Menschen die nur eines am Leben hält,
von Hass getrieben, von Rache beseelt,
für die nur ein einziger Gedanke zählt,
schrauben Bomben zusammen,
wollen sterben als Held.
immer für Gott, für Öl und für Geld.

Während wir hier stehen und andächtig schweigen
um so dieser Welt unseren Willen zu zeigen
werden irgendwo,
dass heißt auf dieser Welt,
Menschen vor die wirkliche Wahl gestellt,
schieß oder stirb, Leben durch Tod
beende dein Elend durch des anderen Not,
find´ dich damit ab,
darum dreht sich die Welt –
immer um Gott, ums Öl und ums Geld.