Der Greis ist heiß, oder alt, aber bezahlt !

TS, 7. November 2012, 21:11
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Es gibt Tage, an denen fühle ich mich schon früh morgens unglaublich alt.
Da stehe ich so gegen 10.30 Uhr auf, schleppe mich ins Bad, blicke entsetzt in den Spiegel
und denke den Bukowski-Satz: „Warum kann ich dieses Gesicht nicht kämmen?“
Wenn ich dann noch feststellen muss, dass meine „Nano-Q10- Powerlifting-Sensitiv-Skinfresh-Lotion“
alle ist, dann ist der  Tag eigentlich gelaufen. Dann brauche ich dringend etwas oder
jemanden, der mich aufbaut und ich rufe I. Lehndorf an:
„Alter, Lust auf Hunderunde? Brauche frische Luft!“
Manchmal klappt das, und eine halbe Stunde später drehen wir,
der beste, alte Freund, ich und der Hund unsere Runde durch
den Timmerlaher-Busch. Wie ein altes Rentnerehepaar zotteln
wir durch den Wald, wir haken uns dabei noch nicht unter und wir
tragen auch noch keinen Partnerlook, obwohl, alle drei ziemlich
monochrom – nur der Hund trägt etwas Braun.
Sowas hilft nicht wirklich, wenn es darum geht, sich jünger zu
fühlen. Nur, an diesem Tag hatte ich Glück, auf meinem Zettel
stand noch: Kolumne, Senioren, irgendwie sowas.
Und ich fragte den besten Freund, nicht den Hund: „Sach mal,
fällt dir was zum Thema Senioren ein?“ Und prompt, solche
Freunde braucht man: „Klar, das sind die, die mit Hut im alten
Mercedes in der Hauptverkehrszeit mit dreißig durch die Innenstadt
jöckeln, die beim Arzt das Wartezimmer belagern, nicht
weil sie krank sind, sondern weil sie da sind, Langeweile und
Zeit haben. Das sind die, die wenn wir Feierabend haben und mal
schnell was einkaufen müssen, an der Kasse der Kassiererin ihr
berstendes Kleingeldportemonnaie unter die Nase halten und
krächzen: „Fräulein, können sie da mal eben selber … ich hab
meine Brille nicht mit.“ Oder die im Parkhaus immer knapp zwei
Parkplätze belegen, weil sie vergessen haben, wie breit ihr Auto
ist. Noch Fragen?
Nein. Keine Fragen mehr. Ich fühlte mich schlagartig jünger,
denn da gehöre ich ja defi nitiv noch nicht dazu. Danke!!
Nur, das hielt nicht lange an, als ich wieder zu Hause war und
mich nun endlich an die Kolumne machen wollte und bei Google
„Senioren“ eingab – ja klasse, da war ich aber auch gleich wieder
sowas von dabei. Das Wort „ ALT“ wird da zwar dezent umschifft,
aber was ist man denn bitte sonst, wenn da steht: „Erwachsen,
reif, 45 bis 60 Jahre, bejahrt, dem Jugendsport entwachsen, der
Erfahrene im Kollegium und – und das lässt jetzt hoffen: Best
Ager, Generation Gold, Generation 50plus, Master Consumer,
Third Ager und Zielgruppe des Seniorenmarketing, kaufkräftig,
konsumfreudig, qualitätsbewusst und bergen wichtiges Verkaufspotenzial.
Na, das klingt doch schon wieder etwas besser, wir haben die
Macht am Markt, da kriegt der Satz „Alt aber bezahlt!“, der früher
auf alten Rostlauben klebte, eine ganz neue Bedeutung.
Ja, wir sind alt, wir sind die Best-Ager und die Jüngeren demnach die
Worst-Ager. Pah, da fühlte ich mich aber so was von
systemrelevant, aber leider immer noch alt. Und ich gab, um das
Ganze auf die Spitze zu treiben, das Wort „Greis“ ein und da war
dann alles mit einem Schlag völlig egal, denn Greis ist man mit
über 60. Das sind für mich noch zehn Jahre, und dann geht die
Post ab, denn gucken wir uns doch mal ein paar Prachtexemplare
der heute über 60-Jährigen an.
Ich gebe zu, die Auswahl ist ein wenig begrenzt, das liegt aber
ausschließlich daran, dass der Platz für die Kolumne beschränkt
ist, mir wären bestimmt noch jede Menge … . Naja, das soll ja
jetzt auch nur ein bisschen Hoffnung machen und die Angst vor
dem noch Älterwerden nehmen.
Also. Helmut Schmidt, Witwer, 94 Jahre alt, der einzige der im
Deutschen Fernsehen und überhaupt überall noch rauchen darf,
frisch verliebt, wird immer da hingeschoben, wo man mal eine
offene und ehrliche Meinung hören will und er ascht auf den Roten Teppich.
Udo Lindenberg, vor 36 Jahren sang er: “Wenn ich mal alt bin,
die Haare sind futsch im Jahr 2010, wirst du dann immer noch bei
mir sein? Uuuhh das wäre schön.“ Und heute? Die Haare kleben
längst am Hut, seine Freundin ist 30 Jahre jünger als er und er
auf dem Zenit seiner Karriere singt: „Der Greis ist heiß!“
Und er hat recht, denn wenn wir, die heutigen Best-Ager, erstmal Greise sind,
dann weht in den Seniorenheimen aber ein
ganz anderer Wind. Kann sein, dass das auf die Nachwelt dann
etwas albern wirkt, wenn wir tätowiert, mit Zopf und Lederjacke auf unseren Rollator
gestützt zu „Ballroom-Blitz“ oder„48 Crash“ den sabbernden Headbanger machen
und uns die Prothese wegfliegt. Aber lieber albern altern, als leise vergreisen
… Um mich an dem Tag tatsächlich doch noch etwas jünger zu
fühlen, bin ich dann joggen gegangen … . Überholt hat mich der
in Timmerlah bekannte 70-Jährige Nordic-Walking-Mastertrainer!!
Ich sag ja, joggen gegangen!!
Übrigens, das schlimmste an der heutigen Jugend ist, …
dass man nicht mehr dazu gehört !

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