HILDESHEIM:

Thorsten Stelzner hat Material für mindestens fünf Stunden Lesung dabei. Der Braunschweiger sitzt wie ein Bürokrat an seinem Tisch, vor ihm das Mikro, ein Wasserglas und ein dicker Aktenordner voller Texte. Etwa 50 Gedichte schreibt er pro Jahr, inklusive einem komplett neuen Satireprogramm. Gerade ist er mit “EGO-KUR – F…rontal und kontrovers” unterwegs – am Mittwochabend machte er Halt in der Bischofsmühle.
Bei dem 51-Jährigen, der sonst auch gerne auf Kundgebungen oder Demos liest, geht es primär um Politikerkarrieren, den gläsernen Menschen, um Markenfetischismus, das grundlose Einkommen als Bedingung und warum der Primat seinen Führerschein bekommen hat. Das ganze poppig und rasant verpackt, in einem unglaublichen Tempo vorgetragen – jongliert und gegrantelt.
Die Lesung die vom DGB-Kreisverband Hildesheim organisiert wird, ist gut besucht. Ein Publikum, das über den nörgelnden Stelzner mit der kernigen, rauchigen Bühnenstimme, dem die Udo-Lindenberg-Imitation perfekt gelingt, lachen kann. Ein Abend für SPD-Wähler, die dem “Polit-Poeten”. wie er sich selbst nennt, oft nickend zustimmen, denn ja: Die Welt ist schlecht, aber wir können es besser machen. Unseren Kindern erklären, dass wir sie niemals auf Seite Eins der Tageszeitung sehen wollen, denn da findet man nur die “echten Sünder”- Machtmissbraucher, Kriegstreiber oder Kinderschänder. Sie dürfen also ruhig mal im Stehen auf der Damentoilette pinkeln oder über eine rote Ampel gehen. Es geht um die ernsteren Themen: Stelzner setzt diesen Text ganz an den Anfang. Eines von den Gedichten, die er in seinen Büchern veröffentlicht, sieben sind bereits erschienen, sein Satireprogramm spricht er lieber auf CD.
Der Braunschweiger ist schon viele Jahre unterwegs, er stand mit Konstantin Wecker auf der Bühne und hat sich oft gefragt, warum er so spät geboren wurde —
In de 60ern war schon vieles gelaufen, in den 80ern hörte schon keiner mehr richtig zu. In der Bischofsmühle ist er mit seinem Programm trotzdem ganz richtig: Eine Art Post-Pop-Nummer unter den Satirikern, ein rasanter Dichter der politischen Lyrik, oft auf mehreren Ebenen. Es macht Spaß Stelzner zuzusehen, wie er grantelt – die, um die es bei den Demos gehe, seien eh nie da und die Jugend finge keine Frösche mehr, nur noch Mutanten in Computerspielen, ohne sich dreckig zu machen. Nebenbei beschäftigen ihn die Astralkörper der Olympia-Sportler und seine eigenen Fettpolster, über die regelmäßig die Chipstüte streicht. Dass er vielleicht abnehmen sollte, aber eigentlich auch nur, wenn er sich im Profil im Spiegel betrachtet – von vorne sieht er ganz okay aus. Es ist die Kehrseite von Mindestlohn und Widerstand: da wird philosophiert, ob überhaupt noch gepopelt würde, wenn es keine Autos und keine Ampeln gäbe und wie es eigentlich mit einem solarbetriebenen Touchscreen auf dem Grabstein aussieht, an den man alle persönlichen Daten des Verstorbenen abfragen könnte. Ein “Grabscreen also, oder doch ein “Touchstein” ? – Auf alle Fälle ein gelungener Seitenhieb auf die Datenschutz-Debatte. Und ganz schön viel Input für ein gut zweistündiges Programm.
Denn natürlich dürfen auch die Loriot-Momente nicht fehlen: das Ehepaar im Cafe´, das Ehepaar beim Kleiderkauf – die Beziehung als alltägliche Hölle, eine “Paarodie” auf das “Paaradies”. Stelzners Programm ist wie ein Potpourri aus allem, was gegenwärtig politisch und gesellschaftlich zur Debatte steht. Die wirklich heißen Themen spricht er nicht an. Kinderpornographie, Homosexualität bleiben außen vor, nie bleibt etwas unangenehm im Halse stecken. Thorsten Stelzner macht Satire wie Sozialismus – auf Augenhöhe. Wirklich böse ist er dabei selten. die FDP bekommt ihr Fett weg, Westerwelle, besonders und Merkel und Brüderle sind das “Alptraumgespann” der Nation. Es wird Bukowski zitiert, Dr. House inspiriert und Stelzner hält fest: ” Es gibt kein ideales Ei, nur die Zeugen Jehovas vor der Tür.” Den Glauben an eine ideale Welt können wir aufgeben, uns stattdessen Stelzners Wortspielen, seinem Klamauk und seiner Komik widmen. Gerne. Sein Motto lautet: Ich könnte heulen, mache aber Satire. Ja komisch ist das nicht!” – Wie recht er hat!

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